Samstag, 26. November 2016

Kunstbuchtipp: Pjotr Pawlenski

Foto: Horst Tress

Pjotr Pawlenski "Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst", Merve Verlag Berlin, 80 Seiten, 12,- EUR, ISBN 978-3-88396-381-5    Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilya Danishevsky und Wladimir Velminski. "Politische Kunst arbeitet mit den Instrumenten der Macht und macht diese Instrumente zum Material." Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski (*1984) hat mit seinen Aktionen die russische Kunst der letzten Jahre maßgeblich geprägt. Für seine Aktion Bedrohung im November 2015 zündete er die Tür des russischen Geheimdienstes FSB an und landete im Gefängnis. Erst Anfang Juni 2016 wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt und aus der Untersuchungshaft entlassen.
Der vorliegende Band umfasst Pawlenskis Kunst-Manifest sowie drei Verhöre, die er heimlich aufgezeichnet hat, und die von einem Ermittler der russischen Staatsanwaltschaft geführt worden sind, um herauszufinden, ob Pawlenski für die Inbrandsetzung von Autoreifen auf einer St. Petersburger Brücke (Aktion Freiheit) für den Straftatbestand des Vandalismus angeklagt werden kann.
Im Manifest macht Pawlenski deutlich, dass seine Kunst sich nicht im öffentlichen Raum erschöpft, sondern immer und sogar fundamental die Reaktion der Justiz mit einbezieht, da erst das Reagieren staatlicher Behörden, zumeist in Form von Repressionen, das Konfliktfeld eröffnet, auf dem künstlerische Kritik und Instrumente der Macht aufeinanderprallen.
Köllefornia informiert: Aktionskünstler Pawlenskis Performances sorgen immer wieder für weltweite Schlagzeilen. Aus Protest gegen die Inhaftierung der russischen Punkband Pussy Riot nähte sich Pawlenski zum Beispiel den Mund zu. Nur eine von seinen an den physischen Grenzen gehenden Aktionen.

Montag, 31. Oktober 2016

Hans Arp, Salvador Dali und Andy Warhol

Abbildungen: Scheidegger & Spiess

Zwei Bücher über drei tolle Künstlerpersönlichkeiten sind im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen.

Rudolf Suter. Mit Fotografien von Ernst Scheidegger "Hans Arp - Das Lob der Unvernunft", Scheidegger & Spiess Verlag, 336 Seiten, 69 farbige und 52 sw Abbildungen, 48,- EUR,
ISBN 978-3-85881-502-6    Der 1886 in Strassburg geborene Hans (Jean) Arp entwickelte sich zu einer zentralen Figur der Dada-Bewegung und der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Als er am 7. Juni 1966 starb, hinterliess er ein umfangreiches und vielfältiges Œuvre: Plastiken, Reliefs, Collagen und Gemälde, Radierungen, Zeichnungen und Textilentwürfe sowie aussergewöhnliche, deutsch- und französischsprachige Gedichte und Aufsätze.
Mit diesem Buch stellt Rudolf Suter den vielseitigen Künstler und Dichter in allen Lebens- und Schaffensphasen vor. Vom Frühwerk über Dada und Surrealismus bis zum Spätwerk mit stark christlicher Motivik zeichnet er Arps intellektuellen und künstlerischen Wandel nach und verbindet diesen mit den Lebensstationen und der Zeitgeschichte. Zudem werden das dichterische und das künstlerische Werk erstmals gleich gewichtet und in Beziehung zueinander gesetzt.
Mit zahlreichen Werkabbildungen und Fotografien sowie einer stimmungsvollen, bislang unpublizierten Reportage des Fotografen Ernst Scheidegger (1923–2016), der Hans Arp bei der Arbeit im Atelier beobachten konnte.
Köllefornia informiert: Rudolf Suter (*1955), seit 1998 freier Kunstvermittler und Kunstkritiker. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie, Philosophie und Geschichte in Basel und Wien. Promotion mit einer Dissertation über Weltbild und Kunstauffassung im Spätwerk von Hans Arp (2007).


Torsten Otte "Salvador Dalí und Andy Warhol", Scheidegger & Spiess, Text in Englisch, 416 Seiten, 28 farbige und 29 sw Abbildungen, 48,- EUR, ISBN 978-3-85881-774-7    Salvador Dalí (1904–1989) und Andy Warhol (1928–1987) zählen zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Viele Werke des Surrealisten Dalí und des Pop-Art-Künstlers Warhol wurden zu Ikonen der modernen Kunst: für jeden erkennbar und in zahlreichen Variationen vermarktet. Obgleich auf den ersten Blick völlig verschieden, hatten beide doch viele Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel den ausgeprägten Sinn für Publicity und die Vorliebe, sich mit anderen exzentrischen und extravaganten Menschen zu umgeben. Dalí und Warhol machten New York zum Zentrum ihres gesellschaftlichen Lebens, und dort begegneten sie sich laut Zeitzeugen Anfang der Sechzigerjahre auch zum ersten Mal.
Torsten Otte wertete über Jahre umfangreiches Quellenmaterial zu diesen zwei Ausnahmeerscheinungen der Kunstgeschichte aus und sprach mit mehr als 130 Zeitzeugen, u. a. mit Udo Kier, Yoko Ono, Brigid Berlin, Leslie Curtis, Irene Halsman und Nick Rhodes. In dieser ersten umfassenden Zusammensicht erforscht er biografische und werkimmanente Gemeinsamkeiten und erzählt zudem von den zahlreichen Begegnungen der beiden Künstler. Illustriert ist das Buch mit teilweise unveröffentlichtem Bildmaterial.
Mit Fotografien von Jade Albert, David Bailey, Giancarlo Botti, Cecil Beaton, Peter Beard, Robert Descharnes, Nat Finkelstein, Ron Galella, Burt Glinn, Philippe Halsman, Ken Heyman, Lynn Karlin, Roxanne Lowit, Christopher Makos, Oriol Maspons i Casades, David McCabe, Billy Name, Eric Schaal, Harry Shunk & János Kender, Enrique Sabater, Andy Warhol, Paul Weiss und Robert Whitaker.

Montag, 10. Oktober 2016

Kippenberger

Martin Kippenberger
Ohne Titel, 1988
Öl auf Leinwand
240 x 200 cm

In nur zwei Jahrzehnten produzierte Martin Kippenberger (1953–1997) genug Ideen für mehrere Lebenswerke. Frei nach seiner Maxime „Gute Künstler haben niemals Urlaub“ schuf er Gemälde, Skulpturen, Installationen, Fotografien, Zeichnungen, Kataloge, Einladungskarten und Plakate – ein Medium befruchtete das andere, eine Arbeit provozierte die nächste. Die Spanne war gewaltig: von Gemälden, die er durch einen Plakatmaler ausführen ließ, über Inneneinrichtung zum Zweck der Kafka-Interpretation bis zum U-Bahn-Netz, das die ganze Welt verbinden sollte. Oft stand dabei der Künstler selbst im Mittelpunkt, auf seinen vielen Selbstporträts in Picassos Unterhosen oder als Schiffbrüchiger auf dem Floß der Medusa, und durch seine exzessive Persönlichkeit, die sein Werk zu Lebzeiten manchmal in den Hintergrund drängte. Erst nach seinem Tod wurde die Wichtigkeit seines künstlerischen Beitrags für eine Zeit erkannt, in der alles schon gesagt schien. Große Retrospektiven der letzten Jahren in New York, Los Angeles und Berlin bezeugen seinen bleibenden Einfluss.
Mit dieser Publikation wird TASCHENs klassische Kippenberger-Monografie wiederaufgelegt, die erstmals 1991 in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstand, und dann im Todesjahr 1997 mit einen Essay von Roberto Ohrt als definitives Stück Zeitgeschichte vervollständigt wurde. Das Buch dokumentiert Kippenbergers Werk in 400 Illustrationen, von den frühen Jahren in seinem Berliner Büro bis zu seinen posthum realisierten Arbeiten für die documenta X in Kassel und die Skulptur Projekte in Münster. Der Anhang wurde um die wichtigsten Ausstellungen und seither erschienen Publikationen aktualisiert.
Köllefornia informiert: Die beiden Herausgeber dieses Werkes sind der Kunsthistoriker Burkhard Riemschneider und Angelika Taschen. Burkhard Riemschneider ist Galerist in Berlin und verfasste verschiedene Monografien über Künstler der Gegenwart. Angelika Taschen studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Heidelberg, wo sie 1986 promovierte. Von 1987 bis 2010 war sie für TASCHEN tätig und hat in dieser Zeit zahlreiche Titel zu den Themen Kunst, Architektur, Fotografie, Design, Reise und Lifestyle veröffentlicht.

Donnerstag, 29. September 2016

Regierungsbunker Bad Neuenahr-Ahrweiler

Fotos: Lydia Tress (zum Vergrößern bitte anklicken)

Wer einmal eine etwas andere Dokumentationsstätte besuchen möchte, sollte sich den Regierungsbunker Bad Neuenahr-Ahrweiler vornehmen. Die 2009 mit dem Kulturpreis Europa Nostra ausgezeichnete Location wird vom gemeinnützigen Heimatverein "Alt-Ahrweiler e. V." unterhalten.

Ein kleines Teilstück des ursprünglichen über 18 km langen Tunnels wurde zum Museum ausgebaut. Das einstige geheime Bauwerk war in der Zeit des Kalten Krieges eine eigene unterirdische Welt. Neben Zahnarzt, Friseur, Fernsehstudio, Schlafplätzen wurden dort Verfassungsorgane der Bundesrepublik aktiv. Ein Kapitel zur atomaren Bedrohung zu jener Zeit.

Mehr Informationen finden Sie unter: http://www.regbu.de/

Donnerstag, 22. September 2016

Tagebücher, die aufhorchen lassen

Abbildung: dtv

André Postert "Der Junge Schall", dtv, 24,- EUR, ISBN 978-3-423-28105-8    Franz Albrecht Schall (1913 – 2001) stammte aus einem bildungsbürgerlichen protestantischen Elternhaus in Thüringen. Der Vater war mit Hesse befreundet und verfolgte besorgt die Krise der Demokratie. Doch der Sohn trat bereits mit 17 der nationalen Jugend bei. Wie der junge Mann in den Sog des Nationalsozialismus geriet, davon zeugen seine Tagebücher: Massenaufmärsche, politische Vorträge und Propagandafahrten sind ebenso festgehalten wie seine persönlichen Eindrücke. Während der Vater wegen Kontakten zur Opposition verhaftet wurde, machte der Sohn Karriere in der Diktatur. Fast bis Kriegsende war sein Glaube an das Regime ungebrochen.
Unverfälscht zeigen die Tagebücher die Anziehungskraft dieser Politik auf junge Menschen. Zusammen mit der historischen Einordnung eröffnen sie einen neuen Blick auf diese Zeit und sind zugleich ein sehr anschaulicher Beitrag zum Thema Jugend und ideologische Verführung.
Köllefornia informiert: André Postert, Dr. phil., Jg. 1983, hat Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen studiert und 2013 am Lehrstuhl von Wilfried Loth seine Promotion abgeschlossen. Während seines Studiums war er als wissenschaftliche Hilfskraft tätig, ab 2014 als Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf und freier Mitarbeiter am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Seit 2014 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden. Seine Forschungsschwerpunkte: Konservatismus/Konservative Revolution, Opposition und Widerstand, Jugendorganisationen in der Diktatur sowie  Mentalitätsgeschichte.

Eleven Promises - Jazz vom Feinsten

Abbildung: JazzSick

Elisabeth Lohninger & Band "Eleven Promises", Label JazzSick Records    Salzkammergut, Österreich. Malerisch gelegen am traumhaften Attersee. Bei einem Blick über das Wasser erblickt man am anderen Ende die thronenden und mächtigen Bergspitzen der Alpen über das Ufer ragen. Ein einmaliges Panorama und für Elisabeth Lohninger der schönste Ort auf der ganzen Welt. Als Pendant hierzu steht eine der pulsierendsten und faszinierendsten Städte auf unserem Globus – New York City. Das eine ist die Heimat, das andere seit über 20 Jahren die Wahlheimat. Es ist ein großer und mehr als nur gewagter Schritt von einem Dorf mit 25 Einwohnern in eine 8,2 Millionen-Stadt zu ziehen. Eine alte Welt sollte der neuen weichen. Aber Elisabeth Lohninger wäre nicht Elisabeth Lohninger, wenn sie zum einen nicht ihrem Herzen folgen würde, und zum anderen der Liebe zur Musik wegen, diesen Schritt gewagt hätte.

Manhattan war vor 20 Jahren noch multikultureller, bunter und geradezu durchwachsener Nabel der gesamten Metropole, mittlerweile hat sich dies stark verändert. Beherrscht von großen Konzernen und Firmen aus der ganzen Welt mussten die kleinen, charmanten und romantischen Ecken in denen der Jazz noch lebendig gedeihen konnte leider zum Teil weichen. Wer sich aber mit offenen Augen und Ohren auf die Suche begibt, findet diese besonderen und magischen Orte der Stadt noch. So weiß auch Elisabeth Lohninger ihr New York zu schätzen.

Der Gedanke an den American Dream liegt bei so einer Vita sicherlich nah, war für die Sängerin aber niemals der Fokus ihres Aufbruchs. Wenn man nach New York bzw. Manhattan kommt um Jazz zu machen geht es nicht so sehr darum, mit Musik möglichst viel Geld zu verdienen, ein schönes Haus oder ein schnelles Auto zu kaufen. Musik ist für mich Inspiration, ich fühle mich darin zu Hause und sie gibt mir den Freiraum den ich auch brauche um möglichst authentisch zu sein und im besten Fall auch andere Menschen dadurch inspirieren zu können, erzählt die Künstlerin.

Diese Reise musste die studierte Sängerin auch nicht alleine unternehmen, gemeinsam mit ihrem Ehemann und jahrelangen, musikalischen Wegbegleiter, Walter Fischbacher, wurde die erste gemeinsame Wohnung auf der W 104th Street und Broadway bezogen, anschließend ging es in die Lower East Side. Von diesem Zeitpunkt wurde der Schwerpunkt des musikalischen und kreativen Schaffens auf eine neue Stadt gelegt.

Im Gegensatz zu dem europäischen Jazz ist der amerikanische sehr traditionell geprägt, dies beeinflusste sicherlich auch die Liedstrukturen, Akkordabfolgen und Ästhetiken von Elisabeths Musik. Der Puls der Stadt, der Lärm, die vielen Dinge, die sich ständig und zur gleichen Zeit abspielen, aber auch der Rhythmus der Sprache. Alles ausschlaggebende Indikatoren für die musikalische Entwicklung der Vokalistin. Ein weiterer Aspekt dieses Prozesses ist die enge und sehr intensive Zusammenarbeit mit Walter Fischbacher. Über die Jahre hinweg wurden 20 Produktionen veröffentlicht, zum Teil gemeinsam, zum Teil in Co-Produktion aber immer mit einem übergeordneten Ziel, dem Jazz. Das aktuellste dieser vielen Resultate ist das am 23. September erscheinende, neue Album von Elisabeth Lohninger & Band – Eleven Promises.

Es ist ein Symbol der gemeinsamen Geschichte des Ehepaars. Ein Sinnbild für die Ehe, das Versprechen in guten wie in schlechten Zeiten zueinanderzustehen und immer wieder als Gemeinschaft zurückzukehren, egal was passiert. Deshalb ist es auch die erste Veröffentlichung gemeinsam mit Walter Fischbachers Trio Phisbacher. Fischbacher selbst hat das Album arrangiert und produziert und die meisten Stücke wurden auf einer gemeinsamen Auszeit in Mexiko geschrieben. Als musikalische Begleiter der neuen Veröffentlichung finden sich, neben Walter Fischbacher selbst am Piano, noch Goran Vujic am Bass und Ulf Stricker am Schlagzeug. Als besonderes Highlight Ben Butler, der Gitarrist von Sting und Susan Vega, bei dem Stück Birthday Girl und der Harmoniker Gary Schreiner als Solist bei Mellow Moon Moaning. Komplettiert wird durch den zweiten Gitarristen Pete McCann. Die Bandleaderin selbst weiß dies auch sehr zu schätzen: Ich bin immer wieder inspiriert von meinen Kolleginnen und Kollegen, ob das nun Musiker, Designer oder Schriftsteller sind. Sie beflügeln mich alleine dadurch, dass sie immer danach streben, nicht stehen zu bleiben sondern sich weiterzuentwickeln. Genauso war es auch bei den Arbeiten zu Eleven Promises, ein wunderbarer Prozess.

Jeder der zwölf Tracks auf dem neuen Album erzählt eine Geschichte oder es verbirgt sich eine interessante Anekdote dahinter. When We Were Young ist Elisabeths Geschwistern gewidmet und erzählt von der Erinnerung an einen warmen Sommerregen und vielen Momenten aus der Kindheit. Ein akustischer Chill-Out-Track mit einigen Sciencefiction-Sprinklern“ so beschreibt Walter Fischbacher die sechste Nummer auf dem Album, And If. Auch ein Cover mit Girl From Ipanema findet Platz. Mit dem gleichnamigen Titelsong Eleven Promises, dessen Refrain zufällig auch in 11/16 gespielt wird, greift Elisabeth nochmals das Thema des gesamten Albums auf, die Liebe, die Ehe und der gemeinsame Weg den sie und Walter bisher zurückgelegt haben. Mit Hold On empfiehlt sich ebenfalls noch ein äußerst grooviger Song in bester Manier der frühen 90er Jahre. Circles als das komplexeste Stück auf Eleven Promises spielt beispielsweise auf Maiden Voyage von Herbie Hancock an. Neben vielen weiteren sehr gut aufeinander abgestimmten Titeln, ist zu guter Letzt mit dem Stück Ya Mi Corazon noch ein spanisches Stück auf dem Album.

Südafrika und der Jazz

Abbildung: JAZZNARTS

Neue CD "Seba Kaapstad – Tagore’sue", Label JAZZNARTS RECORDS    Wir befinden uns heute 33° Süd 56’ 20.94’’ – 18° Ost 28’ 10.271’’. Genau genommen sitzen wir am Straßenrand des ‚Tagore’s Club’ in der 42, Trill Road im sonnigen und sehr milden Kapstadt. Mit uns am Tisch sitzt eine Gruppe junger Musiker aus Deutschland und Afrika: Sebastian Schuster, Zoe Modiga und Ndumiso Manana. In diesem Moment wird ein Bandprojekt geboren, welches Kulturen verbindet, für Musiker neue musikalische Horizonte ermöglicht und ein so starkes, authentisches und sehr vielseitiges Jazz-Album hervorbringt, wie man es wohl aus einer Kombination von schwäbischer Gründlichkeit, koreanischer Zurückhaltung, rheinischem Humor und Süd-Afrikanischer Gelassenheit nicht erwartet hätte: Seba Kaapstad – Tagore’s.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war Südafrika auf Grund der Apartheid und vieler Unruhen stark zerrüttet. Bis zum Ende der 80er Jahre war es fast unmöglich Kreativität, Kunst und Kultur zu erleben. Mit ausschlaggebend für die Rehabilitation des Landes und der dort lebenden Menschen war die Musik. Als universelle Sprache hat sie Menschen, egal welcher Herkunft, zusammengeführt. Es entstand die Möglichkeit auf neutraler Ebene miteinander zu kommunizieren, einen gemeinsamen kreativen Prozess zu gestalten, Vorurteile zu überwinden und einen großen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Gerade deshalb ist das Projekt von Sebastian alias ‚Seba Kaapstad’ umso wichtiger und intensiver.

Vor seiner ersten Reise nach Kapstadt hätte Seba sich sicher niemals ausmalen können, welche Freunde er dort findet, wie dieses Land sein ganzes Leben verändert und welche Magie und vor allem Energie ihn dort erwartet. Der Grund seiner Reise war nämlich ein anderer. Eines der großen musikalischen Vorbilder des Musikers ist der niederländische Bassist ‚Heyn van der Geyn’, welcher unter anderem schon mit Chet Baker auf Tournee war. Dieser lebt in der ‚Mother City’ und Seba wollte ihn kennen lernen. Nach ersten gemeinsamen Jam Sessions und viel Zeit mit dem Instrument verliebte sich der junge Künstler allmählich in die Stadt, die Menschen und das Lebensgefühl. „Kapstadt ist so charmant imperfekt. Ich erinnere mich an einen Gig mit circa 30 Musikern. Ohne Noten und wirklichen Plan wurde begonnen zu spielen. Es brach absolutes Chaos aus, aber ich habe selten so ehrliche Musik erlebt. Beim Spielen herrscht nie wirklich Ruhe, der Zuhörer zeigt sofort Emotionen wenn etwas gefällt, oder eben nicht. Das würde es in Deutschland nie geben “, erklärt Seba.

Geprägt ist der musikalische Stil von ‚Tagore’s’ durch die vielfältigen Kulturen und Stilistiken der Bandmitglieder. Der afrikanische Einfluss auf dem Album ist stark ausgeprägt. Es ist ein urbaner Mix aus Rhythm ’n’ Blues, Hip-Hop, Soul und Jazz. Allerdings wird viel Raum gelassen zur musikalischen Entfaltung eines jeden Künstlers. Vor allem ‚Hello’‚ ‚I Fall In Love Too Easily’, ‚Flatline’ und ‚Autumn’, mit ihren eindringlichen Melodien, tollen Solis und hervorragend abgestimmten Vocal-Passagen sind absolute Ohrwurm-Garanten. Alle Kompositionen stammen aus der Feder des Bandleaders und den Sängern. Aufgenommen wurde im Münchner Mastermix Studio von Thomas Schmidt und gemastert von Christoph Stickel.

Seba vereint mit seinem Debütalbum die südafrikanische Ausnahmesängerin Zoe Modiga, welche mit gerade einmal 21 Jahren schon etliche Wettbewerbe gewonnen hat und als eine der vielversprechendsten und talentiertesten Künstlerinnen des ganzen Landes gilt. Ebenfalls mit dabei ist Ndumiso Manana aus Swasiland, der junge und sehr emotionale Sänger ist auch gerade im Begriff seine Karriere in Südafrika und über den Landesgrenzen hinaus aufzubauen. Am Piano ist ebenfalls keine Unbekannte: Gee Hye Lee, gebürtig aus Südkorea mittlerweile aber sesshaft in Stuttgart. Der aus Bayern stammende und in Köln lebende Thomas Wörle an den Drums und Electronics ergänzt die Band. Außerdem ist auch die Schwester des Bandleaders, Franziska Schuster, als Sängerin auf dem Album vertreten. Und natürlich der Bassist sowie Komponist des Albums, Sebastian Schuster.

Bei ‚Seba Kaapstad – Tagore’s’ wirken Musiker gemeinsam, die auf den ersten Blick vielleicht unterschiedlich scheinen, aber die genau gleichen Vorstellungen von Musik und deren Einfluss haben. Dadurch ist ein so besonderes, facettenreiches und wirklich spannendes Album entstanden. Es spiegelt die Energie Südafrikas und zeigt, dass Grenzen, jeglicher Art, mit Hilfe von Musik immer überwunden werden können. Ein absoluter Musiktipp, auch für Nicht-Jazzer.

Band:
Zoe Modiga – Voice
Franziska Schuster – Voice
Ndumiso Manana – Voice
Gee Hye Lee – Piano
Thomas Wörle – Drums / Electronics
Sebastian Schuster - Bass / Rhodes

Dienstag, 20. September 2016

Gestatten Magritte

Abbildung: Parthas

Patricia Allmer, mit Illustrationen von Iker Spozio "Gestatten Magritte", Parthas Berlin, 80 Seiten, 14,90 EUR, ISBN 978-3-86964-114-0    Magrittes Mutter nimmt sich 1912 das Leben, ein Ereignis, dass zu einem immer wiederkehrenden Motiv seiner Bilder werden soll. Mit der Malerei hat der junge Mann keinen leichten Weg gewählt. Magritte schlägt sich als Musterzeichner in einer Tapetenfabrik durch, später als Plakatzeichner – da hat er schon mit der zwei Jahre jüngeren Georgette eine Familie gegründet. Erst als er einen Vertrag mit der Galerie »Le Centaure« abschließt, kann er sich vollständig der Kunst widmen. Zu dieser Zeit entsteht auch sein erstes surrealistisches Bild: »Der verlorene Jockey«. Magritte freundet sich mit André Breton, Joan Miró, Hans Arp und später auch Salvador Dalí an, wobei es immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen kommt. 1947 stellt Magritte zum ersten Mal in New York aus, 1956 gewinnt er den Guggenheim-Preis für Belgien. Mit Vorwürfen des Ausverkaufs seiner Kunst konfrontiert, stirbt Magritte am 15. August 1967 in seiner Brüsseler Wohnung. Das letzte Bild bleibt unvollendet.

Mittwoch, 14. September 2016

Ein Fotobuch von zwei in Berlin lebenden Kreativen

Abbildungen: Lo Graf von Blickensdorf / Horst Tress

Ein 40 Seiten starkes Fotobuch, das außergewöhnliche Fotografien von Joelle Meissner und Lo Graf von Blickensdorf enthält. Den Einleitungstext steuerte Köllefornia Herausgeber Horst Tress bei. Witzige, nachdenkliche und kuriose Fotografie von zwei schillernden Persönlichkeiten, die in Berlin leben und arbeiten. Neben den Fotografien enthält das Buch auch zwei Texte von Ute Weiss, die die Künstler etwas näher beschreiben. Bestellungen (10,- plus Versand) an: sekretariat.grafblickensdorf@t-online.de

Montag, 12. September 2016

Ausgepackt: Von Dürer bis van Gogh

Fotos: Lydia Tress

Von Dürer bis van Gogh - Sammlung Bührle trifft Wallraf.    23. September 2016 bis 29. Januar 2017 im Kölner Wallraf-Richartz Museum.    Zehn Tage vor der eigentlichen Eröffnung durfte sich die Presse schon einmal etwas hinter den Kulissen der Ausstellung "Von Dürer bis van Gogh" umgucken. Eindrucksvoll, wie die aus der Schweiz angelieferten Gemälde behutsam aus stabilen Holzkisten entpackt werden. Sobald ein Bild dem Transportmittel entnommen wird, wird unter fachmännischen Augen der Istzustand begutachtet. Unter einem achtfachen Vergrößerungsglas wird das Gemälde bis zu einer Stunde genauestens betrachtet und mit den mitgelieferten Fotos, die vor dem Transport gemacht wurden, pedantisch verglichen. Erst dann erfolgt die Hängung an den vorgesehenen Platz in der Ausstellung. Die ganzen Prozeduren finden vor jeder Schau aus Sicherheits- und Versicherungsgründen statt.

Zur Präsentation dieser fantastischen Bilderschau: "Monets Zauber hat mich nie losgelassen, Cézanne, Degas, Manet, Renoir wollte ich in meinem Umkreis an meinen Wänden haben", so blickte Emil Bührle kurz vor seinem plötzlichen Tod im Novem­ber 1956 auf den Beginn seiner Sammelleidenschaft zurück. In nur wenigen Jahren war es ihm gelungen, eine erstaunliche Vielzahl von herausragenden Kunstwerken aus den bedeutendsten Epo­chen von Gotik bis Kubismus zusammenzutragen.

Seine große Liebe aber galt immer den Impressionisten. Hier ­tref­fen sich seine Inter­essen und die des Wallraf-Richartz-Museums. Noch in den 1950er-Jahren konkurrierten beide Parteien zuweilen auf dem Kunstmarkt um die besten Bilder und heute, sechzig Jahre nach Bührles Tod, bringt das Wallraf 64 Meister­werke aus beiden Samm­lungen für einen einzigartigen Dialog zusammen. Dabei kommen neben den bereits genannten französischen Impres­sio­nis­ten auch Meister wie Dürer, Cuyp, Canaletto, Delacroix, Courbet, Sisley, Pissarro, Gauguin, van Gogh, Picasso und Braque zusammen. Die Ausstel­lung ist ausschließlich in Köln zu sehen.

Leopold Reidemeister, der von 1945 bis 1957 Direktor des Wallraf-Richartz-Museums war und Bührle persönlich kennengelernt hatte, charakterisierte den wohlhabenden Industriellen und lei­den­schaft­lichen Kunstsammler mit folgenden Worten: "Er hatte die schöne Muße und Gelassenheit, eine halbe Stunde vor einem Monet zu verbringen, wobei man nicht zu hören bekam, daß er vielleicht bedeutendere Bilder dieses Künstlers besaß." Bührles Kollektion europäischer Malerei galt schon damals als eine der wichtigsten privaten Sammlungen überhaupt. Im Jahre 1960 brachte seine Familie eine repräsentative Auswahl von rund 200 Gemälden und Skulpturen in eine Stiftung ein, die bis Mai 2015 in der Züricher Villa neben Bührles Wohnhaus zu sehen war. Ab 2020 wird die Sammlung in einem Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich wieder für die Öffentlichkeit zu sehen sein.

Montag, 18. Juli 2016

Neues von Max und Moritz

Abbildung: Claudius

Elisabeth Boettger-Spoerl "Neue Lausbubengeschichten von Max und Moritz", Claudius Verlag, 64 Seiten, 16,90 EUR, ISBN 978-3-532-62482-1    Eines der meistgelesenen Kinderbücher der Welt ist Max und Moritz – eine Bubengeschichte in sieben Streichen von Wilhelm Busch. Es wurde in über 300 Sprachen und Dialekte übertragen.
So sind Reime wie „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich“ oder „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei, mit der Übeltäterei!“ zu geflügelten Worten im deutschen Sprachgebrauch geworden.

In diesen Lausbubengeschichten erleben Max und Moritz nun völlig neue Abenteuer. Mit Hilfe zweier Original-Steiff-Biegepüppchen fotografierte Elisabeth Boettger-Spoerl als junge Mutter in den 1950er Jahren ihre Ideen für neue Geschichten und unterlegte sie mit frechen Versen. Sie illustrierte Erlebnisse im Kinderzimmer, zwischen Schulsachen, in der Küche und im Nähkasten. Mit viel Liebe zum Detail kolorierte sie die beiden Hauptfiguren auf den damals üblichen Schwarz-Weiß-Fotografien von Hand nach.
Die eigenen Kinder wurden älter, die Geschichten weggelegt – bis ihre Enkel nach rund 50 Jahren die Bilder beim Stöbern in einer alten Schublade kürzlich wiederfanden.
Entstanden ist so nicht nur ein absolutes Kleinod, sondern ein Buch mit trendigem Retro-Charme, das Jung und Alt gleichermaßen bezaubert. 


Köllefornia informiert: Elisabeth Boettger-Spoerl ist ursprünglich Fotografin, kam als junge Mutter durch ihre Kinder zum Schreiben. Da ihr das Nacherzählen zu langweilig war, erfand sie einfach neue Lausbubengeschichten, fotografierte diese und unterlegte sie mit frechen Versen. Beim Stöbern fanden ihre Enkel nach rund 50 Jahren die Bilder zufällig in einer alten Schublade wieder. Elisabeth Boettger-Spoerl lebt in München.

Rough Songs - rauer und herzlicher Jazz


Foto: Horst Tress

Was war das? Ich hielt die aktuelle CD „Rough Songs“, vom Robert Giegling Quintett in den Händen, goss mir ein Glas Wein ein und stellte den CD-Player auf Betrieb. Was meine Ohren von Beginn an vernahmen, waren Jazzklänge vom Feinsten. Eine Fusion aus Modern Jazz, Soul sowie einzigartigen Groove. Ich war von dem Sound begeistert und schloss die Augen um jeden Ton vollends zu genießen.

Dieser Silberling ist eine Empfehlung für alle Jazz Liebhaber. Der fabelhafte Trompeter Robert Giegling führt den Hörer wie ein roter Faden durch alle acht Musikstücke. Seine hervorragenden musikalischen Mitstreiter ergänzen sich bestens. Zu ihnen zählen: Markus Ehrlich (Tenor Sax), Christoph Heckeler (Piano, Fender Rhodes), Joel Locher (Double Bass), Daniel Mudrack (Drums), Daniel Denmark (Vocals), Matthew Bookert (Tuba, Sousaphone) sowie Patrick Flassig (Bass Trombone).

Köllefornia informiert:
Wer mehr über die Aktivitäten von Robert Giegling erfahren möchte, wird im Internet fündig. Unter: www.robertgiegling.de

Montag, 4. Juli 2016

Beuys - Brock - Vostell

Abbildung: Hatje Cantz
 
"Beuys Brock Vostell - Aktion. Partizipation. Performance", Hatje Cantz Verlag, Hrsg. Peter Weibel, ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Einleitung von Peter Weibel, 411 Seiten, 700 Abbildungen, 58,- EUR, ISBN 978-3-7757-3864-4    Erstmals werden die bedeutenden deutschen Aktionskünstler der Nachkriegsmoderne Joseph Beuys (1921–1986), Bazon Brock (*1936) und Wolf Vostell (1932–1998), die in den 1960er-Jahren zusammen auftraten, in einer Publikation präsentiert. Neben inhaltlichen Parallelen ihrer Arbeiten, etwa der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, zeigen sich Berührungspunkte im Vorgehen der befreundeten Künstler. Alle drei waren an der Erfindung der Lehre als Aufführungskunst beteiligt und rückten das Vermitteln, die Diskussion und die Demonstration ins Zentrum ihrer Arbeit. Die radikale Emanzipation des Individuums sowie die Reform der Gesellschaft bildeten ihr gemeinsames Ziel. Das Schaffen der Künstler wurde nicht nur wegweisend für die Entwicklung des erweiterten Werkbegriffs, sondern leistet einen fundamentalen Beitrag zur performativen Wende und für die partizipatorischen Konzepte in der Kunst des 21. Jahrhunderts.
Köllefornia informiert: Genau das richtige Buch für alle, die sich für die Nachfolgebewegung von DADA interessieren. Fluxus war das Zauberwort Ende der 1960er Jahre. Eine außergewöhnliche Marginalie in der zeitgenössischen Kunst, die sich bis heute behauptet. Da die damaligen Protagonisten ihre Formel Kunst gleich Leben und Leben gleich Kunst, hochhielten, gibt es auch heute noch zahlreiche Anhänger von Fluxus auf der ganzen Welt. Besonders in sogenannten Mail-Art-Shows sowie Installationen und Performance, inszenieren sie sich in Galerien, Museen und an außergewöhnlichen Orten. Was Joseph Beuys, Bazon Brock, Wolf Vostell und Konsorten ans Laufen gebracht haben, kam in zeitgenössischen Kunstszenen nie mehr zum Stillstand. Fluxus hat sich längst etabliert und findet sich heute bei Auktionen und in Museumsarchiven rund um den Globus wieder. Dieses herrliche Werk gibt einen Einblick der damaligen Fluxusbewegung. Ihre Kommunikation untereinander, ihre finanziellen Nöte sowie ihre Erfolge. Ein historisches Buch, das in keiner Kunstbibliothek fehlen sollte.

Mit dem Teller nach Bonn

Abbildung: Steidl

"Enjoy you Life - Mit dem Teller nach Bonn", Steidl Verlag, 224 Seiten, 12,- EUR, ISBN 978-3-95829-221-5    Juergen Teller zählt weltweit zu den gefragtesten Fotografen der Gegenwart, und seine Arbeiten bewegen sich permanent an der Schnittstelle zwischen Kunst und kommerzieller Fotografie. Sein Stilmittel ist das Porträt: In den Bereichen Musik, Fashion, VIPs, Alltag und Landschaft gelingt es ihm, mit einem sehr eigenen Gespür für Personen, Situationen, Milieus und Klischees unmittelbare, manchmal scheinbar einfache Bildkompositionen zu schaffen, die die Idee einer nicht perfekten Schönheit in den Vordergrund stellen. In bewusster Distanz zum Glamour in der Mode- und People-Fotografie setzt Teller in Modekampagnen für namhafte Labels Schauspieler, Supermodels, Popstars oder andere Prominente in neue, teils irritierende visuelle Zusammenhänge und enthebt die Darstellung damit dem gängigen Abbildungskodex. Andere Werkgruppen sind autobiographisch geprägt und zeigen die Auseinandersetzung mit seiner Jugend und Heimat – direkt, ehrlich, humorvoll und immer berührend. Und auch die ungeschönte Selbstinszenierung gehört zum Konzept des Fotografen, der damit zusätzlich die Fotografie als Spiegel der Gesellschaft reflektiert und deren Medienwirksamkeit untersucht. Seit über 30 Jahren ist Tellers manchmal unschuldiger, aber immer neugieriger, offener und unverstellter Blick auf das Motiv ein Garant für seine substanzielle Fotografie.
Köllefornia informiert: Ein tolles Buch, in dem man immer wieder voller Lust blättern wird. Ausnahmslos hervorragende etwas andere Abbildungen. Teller inszeniert seine Fotos schräg, provozierend und fern ab aller Banalitäten. Top!

Außergewöhnliche Museen am Niederrhein

Abbildung: Sutton

Joachim Schneider "Außergewöhnliche Museen am Niederrhein", Sutton Verlag, 96 Seiten, 14,99 EUR, ISBN 978-3-95400-697-7    Joachim Schneider präsentiert in diesem reich bebilderten Ausflugsführer rund 30 außergewöhnliche Museen am Niederrhein, die Groß und Klein unbedingt besuchen sollten. Das Bienenmuseum in Duisburg, das Kleinbahnmuseum in Gangelt, das Spielzeugmuseum in Grefrath oder das Wein-Freilichtmuseum in Hamminkeln, hier ist für jeden etwas dabei. Wertvolle Hintergrundinformationen und Einkehrtipps machen diesen Band zum idealen Begleiter.
Köllefornia informiert: Genau das richtige Büchlein um einmal etwas andere Institutionen einen Besuch abzustatten. Hier kommen nicht nur wissbegierige Kinder auf ihre Kosten, sondern auch Erwachsene werden das eine oder andere Museum mit anderen Augen sehen.

Dienstag, 28. Juni 2016

Pioniere des Comic

Abbildung: Hatje Cantz

"Pioniere des Comic", Hatje Cantz, 272 Seiten, 35,- EUR, ISBN 978-3-7757-4110-1    Comics entstanden um 1897 in Form von farbigen Sonntagsbeilagen in den großen amerikanischen Tageszeitungen. Sie erreichten als erstes bebildertes Massenmedium zig Millionen Leser pro Tag und setzten sich sofort an die Spitze der Unterhaltungsindustrie. Lange wurde übersehen, wie innovativ und experimentell die frühen Comic-Pioniere waren und dass sich ihre Arbeiten häufig auf Augenhöhe mit der künstlerischen Avantgarde der Zeit befanden. Winsor McCay nahm ab 1905 den Surrealismus vorweg, so wie George Herriman in "Krazy Kat" ab 1913 Aspekte des Absurden Theaters etablierte. Cliff Sterretts Szenarien der späten 1920er-Jahre erinnern an expressionistische Stummfilme, während Frank O. King mit "Gasoline Alley" das Erzählen in Echtzeit probierte. Lyonel Feininger nicht zu vergessen, der 1906/07 mit zwei Comicserien seinen Weg zur künstlerischen Unabhängigkeit beschritt.
Köllefornia informiert: Ausstellung: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 23.6.–18.9.2016 - Spektakulär, groß und in Farbe, so eroberte der Comic ab 1897 sein Publikum. Die Leser, unabhängig von Bildungsgrad und gesellschaftlicher Zugehörigkeit, waren fasziniert von diesem neuartigen, visuellen Medium, das ihnen nun täglich in den US-amerikanischen Zeitungen begegnete. Hatje Cantz publiziert mit Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde erstmalig ein umfassendes Überblickswerk zu den Anfängen der Comic-Kultur.

Die Schirn Kunsthalle stellt in der umfangreichen Themenausstellung Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde jene Pioniere des Comic vor, die experimentierfreudig und progressiv die künstlerischen und inhaltlichen Maßstäbe des frühen Comic setzten.

Dienstag, 21. Juni 2016

unterwegs... mit Thomas Bracht, Nils Wogram, Sven Decker u. a.

Abbildung: Cover, Portabile Music Trier

CD-Tipp: Thomas Bracht feat. Nils Wogram & Sven Decker "unterwegs...", Label: Portabile Music Trier     Es beginnt alles mit einem ersten Schritt, dem Mut nach vorne zu gehen, sich umzuschauen und zu wissen von nun an einen neuen Pfad zu beschreiten. Sich zu lösen, aus der alltäglichen Komfortzone auszubrechen und schlicht den Aufbruch wagen. Diesen Aufbruch hat auch Thomas Bracht gewagt, nicht nur aus musikalischer Sicht, aber seit diesem Moment ist der Pianist und Komponist unterwegs.

Thomas Bracht war jahrelang als Sideman in etlichen musikalischen Formationen unterwegs, es brauchte aber erst ein großes und einschneidendes Erlebnis bis er den Mut fasste selbst aktiv zu werden. Seine Tochter Maria wurde geboren und so begann neben dem privaten auch der musikalische Aufbruch. Neues wurde entdeckt, Verantwortung übernommen, neue Menschen kennengelernt, der Schatten des Sideman verlassen, Landschaften erkundet, auch mal ein Irrweg beschritten oder in einer Sackgasse wieder gewendet, aber jedes Mal auf ein neues die Herausforderung erkannt und sich dieser angenommen. Auf dieser Reise war Thomas Bracht auch nicht alleine. Unterstützt wurde er durch seine Familie, auf seinem musikalischen Weg durch seine langjährigen Bandkollegen und Freunde aber auch durch neue musikalische Mitstreiter. Einer dieser Mitstreiter ist der international gefeierte Ausnahme-Posaunist Nils Wogram. Ebenfalls mit von der Partie ist der Saxophonist Sven Decker, sowie Stephan Matheus an der Trompete, Tobias Fritzen am Bass, der New Yorker Perkussionist Jerome Goldschmidt, Konrad Matheus am Schlagzeug, Leana Sealy als Vocal und Thomas Bracht selbst am Piano, Clavinet, Synthesizer und den Samples.

„Mit dieser sehr reizvollen Besetzung, bestehend aus Bandleadern, Komponisten und kreativen Köpfen - sie in meine Klangwelt zu ziehen, zu erleben wie sie meinen Kompositionen Leben „einhauchen“, ihre ganz persönliche Note mit einbringen und Teil meiner „Welt“ werden, war eine großartige Erfahrung!“, schwärmt Thomas Bracht von der Zusammenarbeit für unterwegs.

Vor allem die großen Featuregäste, Nils Wogram und Sven Decker haben in den vergangenen Jahren doch für sehr viel Aufhören gesorgt. Auf der vorliegenden Produktion finden sich beide allerdings, für deren Verhältnisse, in einem eher entspannten, jazzigen Gewand. Nils Wogram als ECHO Preisträger und einer der international gefragtesten Musiker Deutschlands verleiht der Produktion ihre unverwechselbare Sounddefintion. Sven Decker, aus der modernen Essener Schule kommend, am Saxophon gilt auch als einer der innovativen jungen Wilden auf dem nationalen und internationalen Jazzparkett. Aber auch die restlichen Kollegen stehen dem in nichts nach. So bilden Tobias Fritzen am Bass, Jerome Goldschmidt an den Percussions und Konrad Matheus am Schlagzeug immer einen soliden, groovigen Rhythmus-Teppich unterstützt durch Stephan Matheus an der Trompeten. Auch die besondere Besetzung durch Percussions und Schlagzeug heben die Klangwelt der Veröffentlichung nur hervor. Ebenfalls zeichnet sich das Album durch die Variabilität innerhalb der Besetzung und der unterschiedlichen Stücke aus.

Einordnen lässt sich der Sound, in einer Mischung aus Jazz, Rock, Pop und Fusionmusik der 70er Jahre a la „Weather Report, Jan Hammer oder Billy Cobham“ mit progressiven, modernen, originellen Elementen und ein wenig Weltmusik. Das Comeback der „Keyboardburg“, eine gewisse Lautstärke und Spielfreude, wabernde Synthesizer über coolen, funkig- bis rockigen Beats und eine Hornsection vom Feinsten.

Die Inspiration für Brachts Kompositionen kommen oftmals von seiner Familie. „Der Song 'Maria' ist entstanden nach einem Motiv meiner 3-jährigen Tochter. Sie hat die Melodie auf dem Klavier fantasiert, den ersten Takt habe ich ihr praktisch „gestohlen“ und daraus entstand der gesamte Titel“, schwelgt Thomas Bracht stolz in Erinnerung. Auch bei den weiteren Titeln geht es oftmals um die Familie und die vielen, tollen Erfahrungen und Erlebnisse die gemeinsam geteilt wurden. Der Track 'Elegant Lady' beschreibt ebenfalls seine Tochter Maria und der Titel 'Karussell' spricht in diesem Fall wohl auch für sich. Mit 'The Hour of the Wolf' fasst Thomas Bracht nochmals den ganzen Prozess des Aufbruchs zusammen, der neue Abschnitt in seinem Leben, welcher durch seine eigene Familie eingeläutet wurde bedeutet für ihn das größte Gut. Dieser Titel wird mit der warmen und sehr klaren Vocal von Leana Sealy als einziger Vocaltrack auch noch komplettiert.

Freitag, 17. Juni 2016

Hatje Cantz und Frauen auf Bäume

Abbildung: Hatje Cantz

"Frauen auf Bäumen", Hatje Cantz Verlag, 112 Seiten, 15,- EUR, ISBN 978-3-7757-4167-5     Hrsg. Jochen Raiß, Text von Jochen Raiß, Gestaltung von Gabriele Sabolewski, Deutsch / Englisch, gebunden.
"Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich zu sein", heißt es in Fjodor Dostojewskis Roman "Der Idiot". Und vielleicht erklärt dieser Ausspruch auch ein wenig das zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren beliebte, aber bislang in keinem Buch thematisierte Motiv von Frauen auf Bäumen, die der begeisterte Sammler Jochen Raiß (*1969) auf seinen Flohmarktstreifzügen entdeckt hat. Aus Kisten, in denen sich zahlreiche Momentaufnahmen aus fremden Leben wild zusammengewürfelt befanden, zog er Schwarz-Weiß-Aufnahmen junger Frauen heraus, die in schwindelerregender Höhe ihrem Gegenüber manchmal fast verliebt zulächeln. Die Publikation versammelt die Bildfunde dieses charmanten Genres, die Raiß über die Dauer von 25 Jahren zusammengetragen hat. Ob keck die Beine baumeln lassend, lässig in die Astgabelungen geschmiegt oder sportlich die Baumwipfel erklimmend – jedes Bild hat seine ganz eigene Geschichte, die es zu entdecken gilt. Ein Buch voller Nostalgie.
Köllefornia kommentiert: Ein herrliches Kleinod, diese Sammlung von schwarzweiß Fotografien. Eine hübsche Geschenkidee, für Leute die Fotos und weibliche Wesen mögen.

Samstag, 4. Juni 2016

Ich glaub', es hackt!

Abbildung: Griess

"Ich glaub´, es hackt!" von Robert Griess, wurde vom WDR mitgeschnitten. Ausschnitte werden im September erstmals ausgestrahlt. Alle Termine: http://www.robertgriess.de/inhalt/termine

Robert Griess begeistert mit seinem Programm, das derzeit mit das aktuellste, treffendste und komischste Kabarett ist, das man jenseits des TVs sehen kann. Griess' Programm zwischen Abgrund und Hochkomik bringt das Publikum auf höchstem Niveau und höchst unterhaltsam zum Lachen.

Eine kabarettistische Abrechnung mit einer Welt, in der nicht mehr Solidarität und Empathie als noble Charakter-Eigenschaften gelten, sondern Egoismus und Gier. Griess schlägt mit den Waffen von Kabarett & Satire scharf zurück!
Wieso sind ausgerechnet Reiche gegen Mindestlöhne, und feiern trotzdem Charity-Bälle? Weshalb bekommen Manager Bonus-Zahlungen, nicht jedoch Krankenschwestern? Warum ist das Haus Europa eine Eigentümergemeinschaft und keine WG? Griess stellt wichtige Fragen: To have lunch or to be lunch? Und gibt richtige Antworten: Aus einem Steak kannst du keine Kuh mehr machen. Oder auch: Ein Hamsterrad sieht von Innen aus wie eine Karriereleiter.


Ob als rebellischer „Herr Stapper auf Hartz IV“, der mit anarchischem Spaß Angst und Schrecken in den Wohlfühl-Milieus verbreitet. Ob als „Queen Mutti, Angie I.“ oder als schrägster Berater-Consultant Deutschlands. Ob als frustrierter Grüner in der Opposition oder als Griess selbst, unterwegs im Alltag der permanenten Überforderung: Ein erfrischendes Programm voller überraschender Momente, rasanter Dialoge und pointierter Höhepunkte.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Alles über Joseph Beuys und Italien


Abbildung: Kerber

"Joseph Beuys und Italien", Kerber Verlag, 256 Seiten, 76 farbige und 86 schwarzweiße Abbildungen, 36,90 EUR, ISBN 978-3-7356-0219-0    Joseph Beuys hatte immer ein besonderes Verhältnis zu Italien. Obwohl er 1943/44 in Italien als Soldat stationiert war, entwickelte er eine Liebe zum Land. Später, als bildender Künstler hat ihn dieses Italien zu etlichen Werken inspiriert. Ob es sein Multiple „Capribatterie“, Zeichnungen oder Postkarten waren, in diesem südlichen Land fühlte er sich sehr wohl. Viele Ausstellungen quer durch Italien zeigten seine Arbeiten in Einzel- und in Gruppenausstellungen. Galerien, Museen und Editionen schätzten seine Zusammenarbeit. Beuys, der die Gewohnheiten und Lebensphilosophie der Landsleute unglaublich schätzte, ließ keine Gelegenheit aus um das Land zu bereisen. Dort traf er übrigens auch auf seinem von ihm sehr geschätzten Kollegen Andy Warhol. Sie verstanden sich sehr gut und machten auch in Italien einiges zusammen. Ja, Beuys, der in Italien Olivenbäume pflanzte, wurde schnell ein Lieblingskünstler der Italiener. Sie verstanden seine Gedankengänge zum Thema Umwelt und Kunst besser als seine eigenen Landsleute.

Nun veröffentlichte der Kerber Verlag das Katalogbuch Ausstellung „Joseph Beuys und Italien“. Es enthält eine Fülle von Abbildungen und Texten. Auch über seine letzte Installation „Palazzo Regale“, die er in Italien verwirklichte, informiert das 256 Seiten starke Kunstbuch. Für Fans des großen Meisters Beuys durchaus eine Bereicherung für das Kunstbuchregal.
Herausgeber sind Marc Gundel und Rita E. Täuber im Auftrag der Stadt Heilbronn. Die Texte stammen von Bruno Corà, Marc Gundel, Magdalena Holzhey, Stefan Nienhaus, Petra Richter, Beat Stutzer, Rita E. Täuber, Kirsten Claudia Voigt. www.kerberverlag.com

Köllefornia informiert: Joseph Beuys lebte von 1921 bis 1986. Studierte Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie und war Meisterschüler von Ewald Mataré. Später war er selbst Professor an dieser Kunsthochschule.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Neue Kunstbücher

Abbildungen: Scheidegger & Spiess

"Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden", Scheidegger & Spiess, 244 Seiten, 38,- EUR, ISBN 978-3-85881-507-1    Dada Afrika erscheint anlässlich von Ausstellungen im Museum Rietberg Zürich und in der Berlinischen Galerie im Frühjahr und Sommer 2016 und untersucht erstmals die Auseinandersetzung der Dada-Bewegung mit der aussereuropäischen Kunst und Kultur. Reich illustriert erläutern Essays internationaler Autorinnen und Autoren die künstlerischen und kulturellen Zusammenhänge der Artefakte in Verbindung zu den dadaistischen Positionen aus ethnologischer und kunsthistorischer Sicht. Das Museum Rietberg beherbergt einen umfangreichen Bestand afrikanischer Kunst aus dem Nachlass Han Corays, der seine Galerie 1917 für Dada-Ausstellungen öffnete. In der Berlinischen Galerie wiederum stellen die Werke der Dadaisten seit jeher einen bedeutenden Sammlungskomplex dar.
Das Buch präsentiert Werke u.a. von Hans Arp, Hugo Ball, Johannes Baader, George Grosz, Raoul Hausmann, Erich Heckel, John Heartfield, Hannah Höch, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco, Ernst Ludwig Kirchner, Rudolf Schlichter, Man Ray, Hans Richter, Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara sowie von namentlich unbekannten Künstlern aus Afrika, Ozeanien und Asien.
Mit Beiträgen von Johannes Beltz, Jody Blake, Peter Bolz, Ralf Burmeister, Uwe Fleckner, Nanina Guyer, Christian Kaufmann, Walburga Krupp, Axel Langer, Alexis Malefakis, François Mottas, Michaela Oberhofer, Valentine Plisinier, Kathryn Smith, Hélène Thiérard, Esther Tisa Francini, Khanh Trinh, Mona de Weerdt, Michael White und Roger Van Wyk.

Esther Eppstein "Message Salon", Scheidegger & Spiess,
688 Seiten, 77,- EUR, ISBN 978-3-85881-456-2    Esther Eppstein ist als Künstlerin und Kunstvermittlerin eine zentrale Figur der Schweizer Kulturszene. Ab 1996 betrieb sie den heute legendären Kunstraum "message salon" in Zürich. Zuerst an der Ankerstrasse beheimatet, 1998/99 in einem Wohnwagen, dann am Rigiplatz und anschliessend in der Perla Mode, einem ehemaligen Kleidergeschäft an der Langstrasse, war der message salon das Zentrum eines Netzwerks von Kunstschaffenden und Kunstinteressierten. Zahlreiche heute bekannte Künstlerinnen und Künstler hatten hier ihren ersten öffentlichen Auftritt. Für Esther Eppstein ist der "message salon" eine soziale Skulptur und die 58 Fotoalben, mit denen sie Ausstellungen, Film-, Musik- und Performanceabende sowie Besucher festhielt, ihr Kunstprojekt.
Dieses Buch lässt mit einer Auswahl aus Eppsteins Alben das Leben und die Kunst im "message salon" Revue passieren. Der Text von Nadine Olonetzky basiert auf einem ausführlichen Gespräch mit Esther Eppstein und der Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt. Kerim Seilers Beitrag ist eine Hommage an den "message salon" und seine Gastgeberin.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Aktuelles Buch über Heimo Zobernig

Abbildung: Kunsthaus Bregenz

Heimo Zobernig - Herausgegeben von Kunsthaus Bregenz,  Thomas D. Trummer; mit Beiträgen von Penelope Curtis, Yilmaz Dziewior, Thomas D. Trummer und Heimo Zobernig. Grafik: Dorothea Brunialti, Wien, Deutsch / Englisch, ca. 208 Seiten, 21 x 29,7 cm, Hardcover, Leinen, 42,- EUR.
Heimo Zobernig verändert physisch, architektonisch und atmosphärisch Räume sowie deren Wahrnehmung und Bedeutung durch wirkmächtige Eingriffe. Sein charakteristisches Vokabular, mit dem er architektonische Vorgaben infrage stellt, setzt Zobernig im Kunsthaus Bregenz erneut ein und variiert dabei die Arbeit für die Biennale in Venedig 2015. Yilmaz Dziewior, Kurator des österreichischen Pavillons dieser Biennale, Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthaus Bregenz, sowie Penelope Curtis, Direktorin des Museu Calouste Gulbenkian in Lissabon, setzen sich aus ihrer fundierten Kenntnis des Zobernig’schen Werks, im Besonderen des österreichischen Pavillons, heraus mit den neu für Bregenz geschaffenen Arbeiten auseinander. Zobernig, der das Katalogbuch entscheidend mitgestaltet, begleitet darin eine Auswahl seiner Werke mit kurzen Textkommentaren. Großformatige Installationsansichten werden in den Kontext früherer Arbeiten gesetzt und dokumentieren die subtilen Eingriffe in profane wie symbolhafte Architekturen.
Köllefornia informiert: "Je weiter die Ausstellung entfernt war, desto mehr musste ich darüber sprechen, je näher sie rückte, desto weniger musste ich dazu sagen. Und heute kann ich schweigen, weil alle Dinge da sind." Es ist der Tag der Eröffnung des österreichischen Pavillons auf der Biennale 2015 in Venedig. Heimo Zobernigs Bemerkungen während der Pressekonferenz sind weder Irreführung noch Attitüde, sondern kluge Selbstbeschreibung. In wenigen Worten umreißt er seine künstlerische Methode. "Vieles taucht auf und wird wieder verworfen", sagt Zobernig. "Es stellen sich Fragen wie ›Funktioniert es in diese oder in eine andere Richtung?‹." In dieser Auseinandersetzung stehe er sich selbst als kritischer Gesprächspartner immer zur Verfügung.
Zobernig baut Bühnen, fertigt Skulpturen, tüncht Ausstellungswände, bemalt Leinwände, dreht Videos und tritt in Performances auf. Stets geht es ihm um die Frage, wie aus Komplexität Einfaches herauslösbar und dieser Verlauf zugleich sichtbar wird.
Heimo Zobernig zählt zu den herausragenden Künstlern der Gegenwart. Wie kaum ein anderer prägt er nicht nur die Kunstszene im eigenen Land, sondern ebenso erfolgreich den internationalen Kunstdiskurs und Ausstellungsbetrieb.
Seine Laufbahn beginnt Zobernig mit kleinformatigen Gemälden und schwarz lackierten Kartonobjekten. Die geometrischen Bilder sind Reaktion auf die ungestüme Kunst der 1980er Jahre, die wilde Malerei und ihren Subjektkult sowie die Faszination für das Künstlertum. Seine Gemälde sind Antworten auf die Utopien, die sich seit der Moderne mit der strengen Form verbinden. Auch in seinen Skulpturen nutzt er einfache Mittel der Aufdeckung, um geschichtliche Aufladung sichtbar zu machen. Die Objekte sind aus billigen Materialien wie Pressspan, Styropor oder Karton, manche davon unfertig und nur teilweise weiß gestrichen. So wirken sie oft wie erste Modelle, schlichte Prototypen, billige Platzhalter. Ausstellungsbehelfe, die wenig Beachtung finden, werden von ihm bearbeitet. Sockel, Stellwände, Bühnen und Tribünen finden sich im Zentrum seiner Arbeit oder werden lapidar ihrer Funktion übergeben.
Bereits 1999 war eine Arbeit von Heimo Zobernig (zusammen mit Ernst Strouhal) im KUB zu sehen. Er hatte den ausgemusterten Zettelkatalog der Wiener Nationalbibliothek als minimalistisches Ensemble nach Bregenz bringen lassen. Der Schlagwörter- und Autorenkatalog veranschaulichte die menschliche Proportion und Handhabung, zugleich stand er für den ihm wichtigen Gedanken von Schema, Ordnung und sprachlicher Kategorisierung.

Montag, 2. Mai 2016

Das Mona-Lisa-Virus

Abbildung: Lübbe

Tibor Rode "Das Mona-Lisa-Virus", Bastei Lübbe, 462 Seiten, 14,99 EUR, ISBN 978-3-7857-2567-2    In Amerika verschwindet eine Gruppe von Schönheitsköniginnen und taucht durch Operationen entstellt wieder auf. In Leipzig sprengen Unbekannte das Alte Rathaus, und in Mailand wird ein Da-Vinci-Wandgemälde zerstört. Gleichzeitig verbreitet sich auf der ganzen Welt ein Computervirus, das Fotodateien systematisch verändert. Wie hängen diese Ereignisse zusammen? Die Frage muss sich die Bostoner Wissenschaftlerin Helen Morgan stellen, als ihre Tochter entführt wird und die Spur nach Europa führt – hinein in ein Komplott, das in der Schaffung des berühmten Mona-Lisa-Gemäldes vor 500 Jahren seinen Anfang zu haben scheint.
Köllefornia informiert: Tibor Rode, 1974 in Hamburg geboren, studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Journalist. Heute ist er als Anwalt für Wirtschafts- und IT-Recht tätig und Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg. Tibor Rode lebt mit Familie und Hund in Schleswig-Holstein. Das Mona-Lisa-Virus ist sein dritter Roman.

Samstag, 30. April 2016

Neues Altes von Wolfgang Niedecken's BAP

Abbildung: Universal Music

Der Kölner Musiker, Autor und bildender Künstler zeigt sich in diesem Jahr von seiner aktivsten Seite. Bereits Anfang des Jahres veröffentlichte er mit Niedeckens BAP, wie die Band seit 2014 wieder heißt, das 18. Studioalbum der Band: ein gelungener Auftakt zum 40. Jubiläumsjahr der 1976 gegründeten Band. Das Bandjubiläum ist ein willkommener Anlass, um mit einem Album der beliebtesten Lieder Rückschau zu halten und diese auf einer großen Jubiläumstournee den Fans einmal mehr live darzubieten (über 39 Termine bis Ende November). Wie gut die Songs von Wolfgang Niedecken sind, davon kann man sich auch ab dem 12. April in der preisgekrönten TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ überzeugen, bei der Wolfgang Niedecken mit von der Partie ist.

Zum 40-jährigen Bandjubiläum von BAP erscheint am 6. Mai 2016 die Karriere-Retrospektive „Die beliebtesten Lieder 1976- 2016“. Die Standardausgabe besteht aus einer Doppel-CD (respektive zwei Doppel-Vinylausgaben) mit insgesamt 30 Songs von „Wahnsinn“ (1976) bis „Alles relativ“ (2016). Wolfgang Niedecken: „Die Auswahl der „Beliebtesten Lieder“ war ein Luxusproblem, denn längst nicht alle haben auf die beiden Tonträger gepasst. Ich habe mich bemüht objektiv zu sein, um einen Querschnitt zusammenstellen, der auch Leuten, die uns gegebenenfalls nach den 80ern aus den Augen verloren haben, den Wiedereinstieg erleichtert.“

Dienstag, 26. April 2016

Ausstellung und Katalog: "Ich kenne kein Weekend"

Aufbau der Ausstellung „Richtkräfte `74“
Foto: Archiv Block

"Ich kenne kein Weekend - Aus René Blocks Archiv und Sammlung" bis 5. Juni 2016 im Österreichischen LENTOS Kunstmuseum Linz.    Die Ausstellung widmet sich dem interdisziplinären Wirken des Berliner Galeristen und Ausstellungsmachers René Block. Als früher Förderer von intermedialer Kunst, Fluxus und Happening hat Block maßgeblichen Anteil an der Neo-Avantgarde. Als Initiator und Leiter zahlreicher Biennalen weltweit schrieb er eine einzigartige Geschichte des Aufspürens, Zeigens, Sammelns und Ausstellens moderner Kunst. Mit der legendären Ausstellung Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus in seiner Berliner Galerie präsentierte Block in den 1960er-Jahren damals noch unbekannte Künstler wie Joseph Beuys, Nam June Paik, Sigmar Polke oder Gerhard Richter.
Die Ausstellung im LENTOS zeigt Kunstwerke und Lieblingsstücke aus seiner kuratorischen Arbeit seit 1964 sowie Materialien, Dokumente, Fotografien und Filme aus dem Archiv Block. Darüber hinaus sind Kunstwerke zu sehen, die anlässlich zahlreicher Ausstellungsprojekte entstanden sind.
Eine Ausstellung des Neuen Berliner Kunstvereins in Kooperation mit der Berlinischen Galerie und dem LENTOS Kunstmuseum Linz. (KuratorInnen: Marius Babias und Stella Rollig)
Köllefornia informiert: Sehr empfehlenswert ist der Ausstellungskatalog "Ich kenne kein Weekend". Mit
Ausstellungsprojekte, Texte und Dokumente seit 1964, Publikation zur Ausstellung im LENTOS Kunstmuseum Linz, 18.3.-5.6.2016, Verlag der Buchhandlung Walther König, 525 Seiten, s/w Abbildungen, tw. dt./entl., ISBN 978-3-86335-811-2, 22 x 30 cm, Preis 29,50 EUR.